AZRAEL Musikalische Parabel in 2 Akten Mit einem Prolog und einem Epilog Libretto von Silke Hassler |
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Inhalt: Synopsis - Kommentare zum Libretto - Musikalisches Konzept - Besetzung
- Synopsis -
Diese Oper erzählt von einem jungen Mann, Pino, der versucht, mit kleinen Betrügereien und Glücksspielen mehr recht als schlecht durchs Leben zu kommen. Er verletzt bei einem Streit seine schwangere Freundin Maria schwer und stirbt selbst im Kampf mit einem Spieler durch sein eigenes Messer. Monsieur Azrael, ein Engel aus dem Jenseits, der Pino erscheint, ermöglicht es ihm, noch einmal auf die Erde zurückzukehren. Er soll den letzten Tag seines Lebens wiederholen, um sein und damit das Schicksal von Maria zu verändern. Pino kehrt auf die Erde zurück, mit dem festen Vorsatz, Maria, sich und sein Kind, von dessen Existenz er erst durch Monsieur Azrael erfährt, ein glückliches Leben zu bieten. In diesem einen wieder gewonnenen Tag begeht er aber all die immer gleichen Fehler, übergeht die liebevoll gemeinten und hilflosen Versuche seiner Freundin, verstrickt sich in dubiose Geschäfte und sinnlose Hoffnungen. Er scheitert, aber nicht nur an sich selbst und seinen Vorsätzen, sondern auch an den Verhältnissen, die sich für diesen einen Tag nicht geändert haben. Diese märchenhafte Geschichte ist eingespannt zwischen Prolog und Epilog des Todesengels Azrael, der nicht an die Läuterung des Menschen glaubt, Recht behält und zynisch bleibt.
- Kommentare vom Komponisten zur Oper Azrael - Dass die Tango-Oper AZRAEL gerade in einem Bordell vis-a-vis der Wiener Staatsoper uraufgeführt wurde, war kein Zufall. Behandelt diese Oper doch die unabwendbaren und unergründlich schicksalhaften Seiten des Menschen, indem sie die Frage nach dem Sein und dem nicht Sein unserer Existenz aufwirft. Die Idee, eine Oper mit diesem Thema zu schaffen, entstand bereits Mitte der Achtziger Jahre, als ich auf Sartres deterministisches Drama „Les jeux sont faits“ (Das Spiel ist aus) aufmerksam gemacht wurde. Sartres Stoff entsprach meinen damaligen Vorstellungen vom Sein und nicht Sein, und es wurden bereits Pläne für ein Libretto geschmiedet. Leider scheiterte das Vorhaben an der Tatsache, dass Sartre zu Lebzeiten Bearbeitungen seiner Werke verboten hatte, die Enttäuschung war dementsprechend gross. In den nächsten zehn Jahren fanden noch etliche Versuche statt, einen ähnlichen Stoff zu einer Oper zu verarbeiten. Andere Aufgaben schoben dieses Projekt jedoch immer wieder in den Hintergrund (u.a. zwei grosse Afrikareisen mit anschliessender Diplomarbeit und die Arbeiten an meinen ersten zwei Opern). 1997 entschloss ich mich dann, dem Opernprojekt „Fragen und mögliche Antworten nach dem Sein“ endlich ein Gesicht zu geben. Die Frage, ob wir unser Schicksal, wie von den Existenzialisten behauptet, selber in der Hand haben, oder unser Sein vom Determinismus geprägt ist und einer Kausalität unterliegt, steht im Vordergrund dieser Oper. Eine Frage, die aber auch die brillantesten Philosophen nicht einwandfrei beantworten können, denn sie übersteigt unsere, doch sehr schlichte und begrenzte, irdische Wahrnehmungsfähigkeit um unerreichbare Dimensionen. Um eine der möglichen Antworten ein wenig unter die Lupe zu nehmen, lasse ich den Protagonisten Pino vom Diesseits ins Jenseits und wieder zurück reisen bzw. sterben und für einen Tag wieder auferstehen. Pinos Ableben bzw. Reise ins Jenseits gleicht dem ersten Bordellbesuch eines schüchternen Mannes, der versucht, mit gesenktem Kopf und hochgestecktem Kragen unerkannt das Etablissement zu betreten. Endlich die Türschwelle geschafft, Mantel und Hut abgelegt, umgarnt ihn ein Spiel von gedämpftem Licht, rotem Plüsch, verstohlenen Geräuschen, Schatten und architektonischen Verwinkelungen. Zuerst zwingt ihn die ihn umhüllende Dämmerung zur Eingewöhnung in seine neue Umgebung. Ein wenig die Orientierung suchend, kann er sich dann in das seelische Labyrinth voller überraschender, dunkelfarbener Verästelungen weiter vorwagen. Je mehr er das Innere, die Seele dieser Sub-Welt erkundet, desto weiter setzt er sich von der vertrauten Welt da draussen ab. Stets von einem geheimnisvollen, undefinierbaren Verlangen getrieben, schlüpft er in eine Welt der nahezu gedankenlosen, ja bewusstlosen Triebhaftigkeit hinein. Erst jetzt kann er anfangen, sich für den Abend von seinem bewussten Ich ab zu lenken und sich als Befreier seiner seelischen Last und als ewig Fragender zu feiern. Pino taucht nach seinem Ableben in die Verwinkelungen des Seins ab. Auch er kann sich kaum orientieren, denn als Lebender kannte er nur die eine Dimension: die des vordergründig Wahrnehmbaren. Als Monsieur Azrael ihn aber aufklärt, dass er tot sei und Mist gebaut hat, und ihm anschliessend die Chance bietet, den verhundsten Tag neu zu beginnen, um all seine begangenen Fehler wieder gut zu machen, scheitert Pino nicht an sich selbst, sondern an der Kausalität des Seins. Pino kann nur das verändern, was er bis dorthin erkannt hat, denn er kann die Welt nur nach dem verstehen, was er erlebt hat. Im krassen Gegensatz zu meiner vorangegangenen Oper „Diary of Ronald Hansen“, in der subtile und tiefgründige Texte von Hugo Claus verarbeitet wurden, habe ich mich bei AZRAEL für einen einfachen, ja fast naiv anmutenden Text entschieden. Die schlichten Dialoge sollten die einfachen Gemüter der Protagonisten, die in ein grausames, schicksalhaftes und unabwendbares Spiel verstrickt sind, und die Bedeutungslosigkeit der Menschen im Geschehen des Universums unterstreichen. Denn im Vordergrund des Werkes stehen die Frage und die komplexe Suche nach Antworten auf das Sein, und nicht die Wertigkeiten des irdischen Lebens.
- Musikalisches Konzept - Ein Tangoensemble mit seinem unverwechselbaren Klang begleitet Pino auf seinem Weg vom Diesseits ins Jenseits und zurück in eine Gegenwart, die für ihn bereits Vergangenheit ist. Der Tango wird zum Leitmotiv und Gerüst dieser Oper. In seiner strengen, rhythmischen Struktur wird er zum Symbol für die Unabwendbarkeit des Schicksals. Das Stolze und Drängende des Tangos, seine emotionalen Färbungen stehen aber auch für die Wünsche und Träume des Diesseitigen. Pino fühlt sich fast magisch von den Klängen dieser Musik angezogen. Er kann sich ihr und damit seiner Bestimmung nicht entziehen, die Musik treibt ihn förmlich vor sich her. Noch auf der jenseitigen Ebene, die musikalisch anders geprägt ist, klingt der Tango wie ein fernes Echo des Lebens nach. Der spezifische Klang der Instrumentalbesetzung erinnert selbst noch dort, wo es gar keinen inhaltlichen oder rhythmischen Bezug mehr zur Gegenwart gibt, an diese Musik des Lebens. Wer in der Oper AZRAEL eine Tango-Oper alla Astor Piazzola erwartet, wird enttäuscht sein, denn in AZRAEL werden ganz andere musikalische Elemente als bei den Werken des meisterhaften Piazzolla aufgegriffen. In dieser Oper wird die Bewegung des Tangos unter die Lupe genommen, variiert und bis zur letzten Konsequenz zu Ende gedacht, indem ich versucht habe, sowohl den Rhythmus als auch den Klang in neue Wege abzuleiten. Um die Geschichte musikalisch besser schildern zu können, entfernt sich die Partitur oft vom vertrauten Tango-Klang und Rhythmus. Der Tango wird nicht nur ständig hinterfragt, sondern auch bis hin zur Auflösung modifiziert.
Dirk D’Ase, Wien 1999
- Besetzung - Pino - ein junger Mann, Glücksspieler und Halunke...................................................Bariton MARIA - sein Mädchen......................................................................................Mezzosopran Der SPIELER.................................................................................................................Tenor Monsieur AZRAEL - ein zynischer Engel aus dem Jenseits...............................................Baß
Klarinette in B, Altsaxophon, Konzertakkordeon (Knopfgriff), Klavier, *Schlagzeug (ein Spieler), Violine, Kontrabaß *Xylophon - Glockenspiel - Große Trommel (tief, standard), Kleine Trommel, 3 Tom Tom (hoch, mittel, tief), Triangel (hoch), Bongo (mittel), Wood Block, Große Trommel (Fußbetätigung), Becken (mittel, gehangen)
Gesamtdauer: ca 60 Minuten |
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